18. November 2015

Im Interview mit Holger Zorn – Korrespondent der European Hospital

Gutes Geld für gute Produkte?

Das ist, zumindest in Deutschland nicht mehr selbstverständlich: Ob kabellose Schrittmacher oder kathetergestützte Herzklappen, sollen neue und zugleich wirklich innovative Produkte auch beim Patienten ankommen, müssen Hersteller diese nicht nur entwickeln und produzieren, sie müssen sich auch darum kümmern, dass dem Krankenhaus, dem sie etwas verkaufen wollen, die Kosten erstattet werden. Denn neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden werden naturgemäß nicht von einem System erfasst, dass auf der Auswertung von Behandlungsdaten aus der Vergangenheit beruht. EH-Korrespondent Holger Zorn sprach anlässlich der Medica 2015 mit Nicole Eisenmenger, Leiterin des Reimbursement Institute in Köln, über die Rückvergütung medizinischer Produkte als Marketinginstrument und über mangelnde Transparenz im System.

EH: Frau Eisenmenger, warum gibt es Ihr Institut – und warum jetzt?

NE: Nach über 11 Jahren G-DRG System hat die wirtschaftliche Denkweise flächendeckend Einzug erhalten. Die Anschaffung medizinischer Produkte wird inzwischen überwiegend über die wirtschaftliche Machbarkeit entschieden. Über Kauf oder Nichtkauf eines Produktes, über Einsatz oder Nichteinsatz einer Therapie entscheidet häufig, ob es dafür eine Rückvergütung gibt.

EH: Dies herauszufinden, beschäftigen die Krankenhäuser Medizincontroller…

NE: Genau, und diese entscheiden nach ökonomischen Kriterien. Doch die Hersteller medizinischer Produkte tun sich häufig schwer, Fragen zur Rückvergütung der eigenen Produkte zu beantworten. Schulungen des Vertriebsteams zu produktspezifischen Merkmalen und der klinischen Anwendung allein reichen nicht aus, um den Markt „Krankenhaus“ zu erobern. Grundlegende Kenntnisse des G-DRG Systems sind unerlässlich, um ernst genommen zu werden: Wer ist überhaupt mein Kunde, welche Entscheidungswege werden gegangen?

Gutes Geld für gute Produkte? Good money for good products?

Good money for good products?

 

EH: Und diese Fragen beantworten Sie dem Hersteller?

NE: Mein Institut bringt beide Seiten zusammen, Hersteller und Hospitäler. Nur wenn beide Akteure auf die gleichen Ressourcen zurückgreifen können, lässt sich eine reibungslose und effiziente Nutzung bereitgestellter Innovationen garantieren, eine profitable Wechselbeziehung zwischen Herstellern und Krankenhäusern erzielen. Dazu haben wir bislang zwei Dienste entwickelt: den OPS-Guide und die NUB-Börse. Beide helfen zum einen dem Hersteller bei der Kommunikation in das Krankenhaus und zum anderen dem Krankenhaus bei der eigenen Positionierung im Wettbewerb.

EH: Das müssen Sie erklären: Was genau ist der OPS-Guide?

NE: Die Prüfung, ob der Einsatz eines Medizinproduktes unter ganz konkreten, örtlichen Bedingungen ökonomisch machbar ist, kostet Zeit – Zeit, die im Krankenhaus meist nicht vorhanden ist. Das kann dazu führen, dass die Implementierung einer neuen Therapie abgelehnt wird. Welche OPS oder ICD-10 Verschlüsselungen einen Einfluss bei der Zuordnung einer DRG haben und welche nicht, war bislang nur durch geschultes Personal interpretierbar. Unser neuer OPS-Guide führt durch diesen Dschungel: Ist ein OPS in einer DRG berücksichtig – und wenn ja in welcher? Welche Informationen (MDV, Relativgewichte, Partition etc.) trägt diese DRG? Ist der Code mit einem Zusatzentgelt versehen? Welches Produkt ist mit welchem OPS in Verbindung zu bringen? Welche Kostenstelle ist diesem Produkt zuzuteilen? Auf all diese Fragen gibt der OPS-Guide Antwort, und zwar sowohl Herstellern als auch Anwendern, auf einer gemeinsamen Plattform.

EH:  Damit machen Sie ein bislang schwer durchschaubares Geschehen etwas durchsichtiger. Inwiefern soll das Herstellern helfen, die teils ganze Stabsabteilungen unterhalten, um in diesem komplexen Geflecht zwischen Industrie, Handel, Kliniken, Versicherern und Politik stets neue Knoten zu knüpfen?

Wir wollen Transparenz schaffen, das ist richtig. Bislang ist der Post-Launch-Prozess äußerst intransparent. Das macht es vor allem mittelständischen Betrieben schwer, sich mit ihren Produkten im G-DRG System zu positionieren. Die haben keine Stabsabteilungen zur Verfügung – und Start-Ups ebenso wenig. Hier setzt unser zweites Angebot an: Krankenhäuser, die innovative Produkte anwenden, erhalten eine Rückvergütung der entstandenen Kosten über eine Fallpauschale oder in Form eines Zusatzentgeltes. Dieser Prozess bedarf einer expliziten und frühzeitigen Planung, da sich andernfalls die Entscheidung über die Erstattungsfähigkeit erheblich verzögern kann. Wir begleiten den gesamten Prozess von der Markteinführung innovativer Medizinprodukte bis hin zur Einbindung der dadurch entstehenden Kosten in das System. Das trägt zur Sicherung des Markterfolgs bei.

EH: Und wie profitieren die Krankenhäuser vom OPS-Guide?

Der OPS Guide hilft dem Krankenhauspersonal auf allen Ebenen schnell und einfach zu eruieren, welcher OPS bei welchem Verbrauchsmaterial zu verwenden ist. Die Folge ist eine korrekte Kodierung und eine qualitativ hochwertige Datenrückmeldung an das InEK, welche Grundlage zur Kostenbewertung der DRG ist. Zudem ist die Kluft zwischen Krankenhäusern und Herstellern im Bereich der Rückvergütung noch immer groß, das Prozedere nicht immer selbsterklärend. Oft bleiben Innovationen ungenutzt, weil sie krankenhausökonomisch keinen Sinn machen. Ebenso oft sind sich Krankenhäuser im Unklaren, ob sie allein sind mit ihrem Anliegen, eine neue Untersuchung, eine neue Therapie vergütet zu bekommen, oder ob andere, möglicherweise sogar viele, das ebenso wollen. Hier helfen wir mit unserer NUB Börse.

EH: Eine Plattform für Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden?

NE: Genau. Hier stellen wir Transparenz her, indem wir die zur Verfügung gestellten Anträge nach Fachabteilungen sortieren. Krankenhäuser sehen sofort, was sich auf ihren Therapiefeldern tut. Hersteller können ihre NUB-Vorlagen in den öffentlichen Bereich einstellen und sehen, welche Krankenhäuser die Vorlage übernommen und als eigenen Antrag eingereicht haben. Das macht eine gezielte Ansprache der Kunden möglich. Und auch hier begleiten wir wieder, wenn gewünscht, Hersteller, prüfen deren Anträge und vergeben ein Qualitätssiegel.

EH: In früheren Jahren war ja nicht mal jeder sechste eingereichte NUB-Antrag erfolgreich. Mit Ihren Dienstleistungen kann das nur besser werden. Vielen Dank für das Gespräch.

 

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